Creative Money 2012 – ein Erfahrungsbericht

Kreative sind immer chronisch knapp bei Kasse, viele gründen imititativ aus dem Studium heraus. Den Ursachen des Geldmangels und warum Kreative nicht vielmehr ihre Kreativität auch mal in die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle investieren, ging die erstmalig veranstaltete Konferenz Creative Money 2012 in Berlin auf den Grund. Als möglicher Lösungsansatz wurde parallel die „Kunst der Unternehmensgründung“ – das Entrepeneurship-Modell nach Prof. Dr. Günther Faltin – präsentiert. Wir waren dabei und berichten hier über unsere Eindrücke von diesem Event, was vom 26. bis zum 27.5.2012 in Berlin stattfand.

Überblick über den ersten Tag

Der erste Tag war geprägt durch Vorträge wie „Innovation und Entrepeneurship“ (Prof. Dr. Jan Kratzer, TU Berlin) und „Kreativität und Wirtschaft – ein Versuch“ (Redner Carsten Hokema, innodate, Berlin). Herr Kratzer von der TU wies insbesondere auf die vielen Möglichkeiten für Unternehmer_innen im Zentrum für Entrepeneurship an der TU hin. Unter anderem kann man sich dort Softskills aneignen im Bereich Rhetorik, Projektmanagement und vielem mehr. Auch im Anschluss an eine Gründung bietet die TU Möglichkeiten für die jungen Unternehmen – so berichtete Kratzer von der Möglichkeit, in sogenannten Greenhouses 1-1,5 Jahre als frisches Unternehmen kostenlose Räume zur Verfügung gestellt zu bekommen. Interesssant war die Notiz am Rande, das auch Nicht-Studenten die Kurse und Möglichkeiten des Instituts für Entrepeneurship nutzen können.
Essenz des Vortrages war, seine Gründungsidee in Netzwerke einzubringen und sich für die Umsetzung Partner zu suchen die ähnlich denken. Die Pflege der Netzwerke legte Kratzer den Konferenzteilnehmer_innen zudem besonders ans Herz.
Der zweite Vortrag von Veranstalter Carsten Hokema ging auf das Thema Entrepeneural Design ein. Die Herangehensweise dieser Methode betrachtet das Unternehmen als Zusammensetzung aus einer Vielzahl von Komponenten. Im Kern zeigte Hokema im Vortrag auf, dass man sein Unternehmen neu denken solle, mit Berufskonventionen wenn nötig brechen müsse und alle Unternehmensbestandteile im Kopf in Einzelteile zerlege. Einen besonderen Wert legte Hokema auf das Re-Thinking, das neu denken des eigenen Unternehmens. Wertvoll war auch sein Hinweis, auch die Rolle die man einnehmen will, neu zu überdenken. Der typische Freiberufler sei schließlich eine Fachkraft. In die beiden anderen Rollen Manager und Unternehmer komme der Freiberufler meist nie hinein. Daher sei es sehr entscheidend zu wissen, für welche der drei Rollen man geeignet sei.

Erheiternd war der Vortrag von Ida Storm Jansen am Nachmittag. Die dänische Unternehmensberaterin warf einen wundernden Blick von außen auf die Kreativwirtschaft. Sehr stark wunderte sie sich besonders darüber, das viele Kreative zu wenig Geld verlangen für Ihre Arbeit. Sie meinte, dass es zum Teil an einer protestantischen Arbeitshaltung vieler Leute liege. Sprich, dass richtige Arbeit hart sein muss, und das was Spaß macht, keine Arbeit ist. Darum neigten nach Ihrem Eindruck viele Kreativunternehmer dazu, eben weil es so viel Spaß macht kreativ zu arbeiten, dabei einen angemessenen Preis zu „vergessen“.

Beispiele für kreative Unternehmensgründungen

Praktisch wurde es dann beim Einblick in konkrete Beispiele existierender Kreativunternehmen. Ole Kretschmann und Patrick Frank stellten beispielsweise ihr Projekt www.photoautomat.de, welches mit kaum vorhandenen Geldmitteln startete und mittlerweile in zahlreichen Städten Europas Nachahmer_innen gefunden hat. Kreativ an dieser Unternehmung ist, das alte Schwarzweiß-Fotoautomaten an frequentierten Orten stehen, und einer klassischen Form der Fotografie wieder Leben einhauchten.
Lokal bezogen arbeitet Karsten Schmitt von Rotebeete Kunst aus Berlin (www.rotebeetekunst.de). Er bietet mit seinem Team Künstler_innen an verschiedenen Ausstellungsorten in Berlin (Hotels, Bars, Restaurants) die Möglichkeit, ihre Werke zu vermarkten und letztendlich zu verkaufen. Der kreative Ansatz seines Unternehmens liegt in der Vermarktung an ungewöhnlichen Orten abseits der Galerien.
Interessant war auch die Vorstellung von Rafael Kugels RatioDrink (www.ratiodrink.de). Die Kenner_innen konnten sofort erkennen, das er ein Schüler Prof. Dr. Faltins Methode des Entrepeneural Designs ist. Die Zerlegung des Unternehmens in Einzelkomponenten zeigte sich hier deutlich. Kreativer Ansatz war hier, in Großpackungen abgefüllt Fruchsaftkonzentrat zum Selbermischen direkt an Endkund_innen zu verkaufen. Ungewöhnlich dabei – alles was der Gründer nicht selbst konnte, wurde ausgesourct – von der Konzentratabfüllung, Verpackung bis hin zur Logistik. Zwischendurch gab es noch einen Podiumsdisskusion zur Fragestellung wie Kreative gründen können und der Umgang mit dem lieben Geld.

Einblick in den zweiten Tag

Der zweite Tag begann mit dem heimlichen Highlight der Konferenz – Professor Dr. Faltins Vortrag zu „Entrepeneurship“. Schon am Vortag hatte sich dieses Thema immer wieder durch die Vorträge und die Podiumsdisskusion gezogen wie ein roter Faden. Und das ist kein Zufall. Schließlich ist auch Veranstalter und Firmeninhaber von innodate Carsten Hokema ein „Schüler“ Faltins, wie er auch selbst immer wieder betonte.

Der heimliche Star – Prof. Dr. Faltins Vortrag zu Entrepeneurship

Kern des Entrepneurships sei es laut Faltin, das zukünftige Unternehmen aus Komponenten aufzubauen. Die Verwaltung wie Buchhaltung, Logistik etc. solle man nach Möglichkeit abgeben. Der Entrepeneur setze vorhandene Dinge neu zusammen und mache sie schön und einfach, so Faltin weiter. Im Vordergrund stehe dabei eine innovative Idee. Diese sollte ausgereift sein, im besten Fall soll man mehrere Idee in der Hinterhand haben, wenn eine nicht funktioniert.
Für die erfolgreiche Umsetzung betonte Faltin, dass die Idee aus verschiedenen Perspektiven zu denken sei. Man müsse zudem die Leute vor der Markteinführung für die Idee gewinnen. Ganz wichtig auch seiner Meinung nach – die Idee muss zum Gründer stimmig sein, sie muss also zu einem passen. Wie Prof. Jan Kratzer wies auch Faltin darauf hin, sich Gleichgesinnte auf dem Weg zur Umsetzung zu suchen.
Gegen Ende des Vortrages riet Faltin dringend ab von einer Gründung, wenn professionelle Kräfte nicht bezahlt werden könnten bzw. wenn die Idee nicht rund ist. Für viele kreative Einzelunternehmer_innen hatte er eine weitere, bittere Pille – von der Selbstständigkeit riet er rigoros ab. Es sei ein grausames Schicksal so Faltin, schließlich müsse man sich ja um alles selbst kümmern (Buchhaltung, Aufträge und Umsetzung) und sei von seiner Arbeitskraft komplett abhängig. Ob man sich diesen Daurstress (selbst und ständig) antun will, solle man sich gut überlegen.

Danach ging es weiter mit Workshops wie „Die Psychologie des Geldes“ (Christop Simon, Simon Coaching, Berlin), „Wie ich mich richtig positioniere“, Andreas Fiedler, Vermarktungshelfer, Berlin), „Wege und Geld zur Förderung“, Dr. Sabine Muschiol, Muschiol Consulting, Berlin), „Finanzielle Fitness“ (Beate Westphal, april Stiftung, Berlin).
Im Anschluss folgten noch weitere Vorträge – „Wie Geld kreativ sein kann“ (Dr. Wilhelm Klauser, Initial Design, Berlin) und „Crowdinvesting – Projektfinanzierung der Zukunft?“ Clas Beese, finmar, Hamburg). Dann war der zweite Tag auch schon fast rum. Eine Tombola und ein Schlusswort Hokemas beendeten die Creative Money-Konferenz für 2012. Veranstalter Hokema kündigte zum Abschluss die Fortsetzung in 2013 an.

Fazit – was bot die Konferenz Creative Money?

Nun fragt Ihr Euch sicherlich – wie war es, hielt die Konferenz, was sie verspricht? Der erste Tag war schon recht aufschlussreich hinsichtlich des Umgangs und der damit verbundenen Probleme der Kreativen mit dem Geld. Frau Jansen brachte das gut auf den Punkt mit ihrem Vortrag. Gut waren auch die praktischen Beispiele, wie man und vor allem was man kreativ gründen kann.
Die Podiumsdisskusion schwebte allerdings doch eher in virtuellen Sphären. Die Fragestellungen die diskutiert wurden, etwa ob man als Künstler nun gutes Geld verdienen dürfte, wanderten um den heißen Brei herum. Die Geld-Probleme der Kreativen wurden zwar angerissen und waren den Anwesenden und Diskutierenden sicherlich klar. Aber es fehlte am ersten Tag eindeutig Ansätze auf etwaige konkrete Lösungen, wie man auf kreativen Wege neue Einnahmenquellen erschließen kann.
Bei der Podiumsdisskusion wurde unsere Frage, wie man in der Phase von der Durststrecke des Unternehmensstarts bis zum Erfolg des Unternehmens die Fixkosten decken könne, nur wenig hilfreich drauf eingegangen. Kern der Antworten: man solle nicht als Selbstständiger arbeiten, sondern kreativ mit mehreren gründen und eben eine gute Idee umsetzen. Auch wurde geraten, nicht gleich den Ansgestelltenjob an den Nagel zu hängen.
Problematisch fanden wir diese Antwort schon. Sie ging mit Sicherheit komplett an der Berufsrealität vieler anwesender Teilnehmer_innen vorbei: der/ die typische Einzelunternehmer_in. Beste Beispiele dafür sind Grafiker_innen, Fotograf_innen, Architekt_innen usw. Davon konnten wir einige kennenlernen. Bei der Zusammenarbeit geht es ja schon los: viele möchten den knappen Kuchen den es gibt, nicht auch noch mit anderen teilen. Und in die Karten schauen lassen sich viele auch ungern. Gerade Fotograf_innen tun sich sehr schwer mit einer Zusammenarbeit unserer Erfahrung nach.
Diese Problematik, wie man die Kreativen zu mehr Kollorabation bewegt, kam leider nicht zur Sprache während des Kongresses. Lösungsansätze sind aber wichtig – denn schließlich würde eine Bewußtseinsänderung hin zur Offenheit und Austausch mit anderen (insbesondere im gleichen Berufszweig!), mehr Gründungen mit mehreren Leuten ermöglichen.
Ein Lösungsansatz wurde indirekt natürlich mit dem Entrepeneurship von Prof. Dr. Faltin präsentiert. Sicher ist es einer der besten Ansätze für die Kreativwirtschaft, um neue Einnahmenquellen zu ergründen. Allerdings fanden wir die Ausrichtung auf die Entrepeneurship-Schiene etwas einseitig, Schließlich hieß der Titel der Konferenz Creative Money. Lösungsansätze für die Erschließung von Geldquellen gab es direkt nur durch Frau Muschiols Workshop „Wege zur Förderung“ und durch die Vorstellung des Crowdinvesting durch Clas Beese von finmar.
Gut, natürlich ist es nicht machbar, alle Fördermöglichkeiten der vielfältigen Kreativwirtschaft an zwei Tagen aufzuzeigen. Aber ein paar mehr Infos und Praxis-Beispiele, wie man kreativ neue Geldquellen, vielleicht auch abseits des eigentlichen Unternehmensthemas erschließt, sollten auf der zweiten Creative Money in 2013 aufgezeigt werden.

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This article has 1 comment

  1. Caspar Reply

    Danke für diesen ausführlichen und informativen Bericht! Aus Sicht eines „chronisch Selbständigen mit starken Ambitionen in Richtung Entrepreneurial Design“ kann ich sagen, der eigentliche Engpass ist für mich persönlich das Zeitmanagement – zumindest, wenn man erst einmal selbständig ist und nicht aus einer Festanstellung heraus gründet, mit Förderung und allen Schikanen. Zeitmanagement deswegen, weil es Zeit (und vor allem: Muße-Zeit) braucht, um eine Idee im Sinne Faltins durchzudenken und zu entwickeln. Solche Zeitfenster zu schaffen, im Alltagswahsinn der Selbständigkeit, ist für mich persönlich die größte Herausforderung bei dem ganzen Thema.

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